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Das chronische Objekt

Auseinandersetzung mit der zeitlichen Komponente des Produktdesign und neuen Perspektiven ihrer Gestaltung.

Infolge der Industrialisierung und Urbanisierung Mitte des 19. Jahrhunderts und der neuzeitlichen Erkenntnisse in der Physik entsteht ein stark chronozentrisches Weltbild. Die Beschleunigung wird zur Leidenschaft der Moderne auf gesellschaftlicher und individueller Ebene. Auf Produkte bezogen, sind Hersteller getrieben, das höchste Maß an Effizienz in der Produktion zu erreichen. Allen ökonomisierten Produktionstechnologien geht es im Zeichen der Effizienz darum, Produkte möglichst schnell innerhalb von möglichst wenig Zeit zu herzustellen und zu vertreiben. Häufig ist das höchste Ziel bei der Produktion die Investition im Rahmen des Möglichen zu vervielfachen.

Das beschleunigende Nacheinander der Produktgenerationen wird zusätzlich durch das Nebeneinander der Produktvariationen multipliziert. Der Verbraucher ist durch das sogenannte vertikale Marketing mit einer Vielzahl an Möglichkeiten konfrontiert, die sich oft lediglich in ihrer Erscheinung unterscheiden. Es werden verschiedene Variationen eines Produkts gleichzeitig in verschiedenen Farben, Größen und Formen angeboten, um möglichst viele unterschiedliche Menschen zum Kauf anzuregen. Das führt zur Paralyse bei der Kaufentscheidung, da eine kritische Vielzahl von Möglichkeiten eine Entscheidung immer unwahrscheinlicher macht. Dadurch entsteht eine Unmenge an angebotenen Produkten verschiedenster Gestalt ohne funktionale Differenz.

Einige Produkte erfahren im Laufe ihrer Existenz unterschiedliche Gebrauchsweisen in unterschiedlichen Kontexten, die das Objekt gewissermaßen individuell formen, ohne dass sie entwertet werden. Im Gegenteil scheint der individuelle Wert zu steigen. Offensichtliche Beispiele sind Produkte aus natürlichen Werkstoffen wie Holz oder Leder. Sie werden durch Gebrauchsspuren aufgewertet.

Es ist auch festzustellen, dass bei Produkten, die früher, handwerklich hergestellt wurden eine Individuation im Laufe des Produktlebens vorsahen und ermöglichten. Besteht die Möglichkeit, dass ein Produkt sich im Zuge des Gebrauchs aktiv an die Umstände anpasst? Wenn überhaupt, ginge es dann darum, dem industriellen Objekt einen gewissen Rahmen der Selbst- gestaltung zu geben. Die Gestaltung dieses Rahmens obliegt dem Designer. Es sollten deshalb neue Wege gesucht werden die Wertigkeit eines Objekts im Laufe und durch den Gebrauch zu steigern oder zumindest zu erhalten. Die Gestaltung der Transformation des Objekts im Zuge des dauerhaften Gebrauchs ist zum heutigen Tage angesichts der gegebenen Möglichkeiten und der technologischen Perspektive unzureichend erforscht und ausgereizt.

Informiert mit den Feststellungen aus der Zeitwahrnehmung und den psychologischen Aspekten des Zeiterlebens, wurde der Blick der Anpassungsweisen lebeniger Organismen an ihre Umwelt zugewendet. Im Rahmen dieser Arbeit werden neue Wege gesucht, dem industriellen Objekt Wandlungsfähigkeit zu verleihen und Gestaltungsprinzipien in der zeitlichen Dimension zu entdecken. Heute passt sich der Mensch weitestgehend an das Objekt an, in Zukunft ist von einer Annäherung von beiden Seiten auszugehen, die den Designer vor neue Herausforderungen stellt.

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